Warum Pferde uns NICHT austricksen.

Hast du schon einmal gedacht "der trickst mich doch aus"? Der Annahme, dass Pferde ihre Menschen an der Nase herum führen begegne ich häufig. Doch woher kommt dieser Gedanke, dass Pferde uns austricksen und welchen Vorteil würde es einem Pferd bringen seinen Menschen an der Nase herum zu führen? 

 

eine persönliche Erfahrung

Unser Jungspund Calypso kam im Mai 2021 zu uns. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Pferde noch in einem großen Reitstall untergebracht. Neben Pferden waren hier auch große Rinder zu Hause. Calypso hatte riesigen Respekt vor den großen Tieren und traute sich nicht an ihnen vorbei zu laufen. Da mir das damalige Handling des Stallpersonals Calypso 2x am Tag an den Kühen vorbei zu führen dem mentalen Zustand meines Pferdes nicht zuträglich erschien, führte ich den schönen 2 Jährigen kurzerhand selbst zwei Mal am Tag hin und her. 

Dies führte zu Gesprächsstoff im Stall und das ein oder andere Gespräch war für mich leider unausweichlich. So kam es, dass ich von einem anderen Pferdemenschen ins Gebet genommen wurde, warum ich so einen "Aufriss" mit Calypso veranstalten würde, warum so viel Futter im Spiel sei, er würde mich doch schließlich nur veräppeln. Besagter Pferdemensch hätte mit seinem Pferd damals das gleiche Problem gehabt und festgestellt, dass das Pferd ihn nur veräppelt.

Empfohlene Therapie:

1. Durchsetzen

2. Zeigen wer der Chef ist

3. Dem Pferd zeigen, dass Kühe nicht schlimm sind und dem Pferd nichts passiert.

Doch ist dies wirklich ein empfehlenswerter Ansatz? 

 

Angst fühlt sich nicht gut an

Zeigt ein Pferd Meide- oder Angstverhalten IST  ihm bereits etwas passiert! Angst gehört zu den Basisemotionen, welche in einem uralten Teil des Gehirns angesiedelt sind (Reptiliengehirn). Dieser Teil des Gehirns ist einzig und allein für die Entscheidung HIN oder WEG zuständig. Hier ist kein rationales Denken möglich. Umso wichtiger ist es ein Setting zu finden, welches fürs Pferd noch gut zu handeln ist und systematisch die Distanz zum Angstauslöser zu verkleinern. Nämlich genau so schnell, wie das Pferd eine Strategie erlernt mit Angstsituationen umgehen zu können. Der Mensch spielt in diesem Training eine tragende Rolle. Er muss Distanzen richtig einschätzen können, ein Setting schaffen können zu dem das Pferd noch ja sagen kann, flexibel auf Unvorhergesehenes reagieren können und das Setting bei Bedarf neu ordnen können. All diese Fähigkeiten machen einen guten und in kurzer Zeit erfolgreichen Pferdemenschen aus. Mit Durchsetzen und Chef sein hat dies in meiner Welt nichts zu tun. 

 

Woher kommt nun also das Denken, dass das Pferd uns austrickst, wir einfach zu weich sind und uns mehr durchsetzen müssen? In meiner Welt gibt es hierfür mehrere Gründe. Zum Einen beschreibt die Aussage "Gewalt beginnt wo Wissen endet" kurz die häufig von mir vorgefundene Situation. Die meisten Pferdemenschen gehen einem zeitlich sehr ausfüllendem Job nach, welcher meist kaum Spielraum für eine persönliche Weiterbildung in Sachen erfolgreichem Pferdetraining zulässt. Zum Anderen ist der Zugang zu guter Literatur durch die riesige Vielfalt an Trainingsangeboten zu undurchsichtig. Auch die Auswahl an Trainern mit großem Fachverstand ist leider sehr begrenzt. Viele Pferdetrainer stützen ihr Training nach wie vor, völlig ungeachtet der Lerntheorie, auf Dominanztheorien. Außerdem fällt es vielen Pferdemenschen meiner Erfahrung nach schwer Altes ("das haben wir schon immer so gemacht") loszulassen und über den Tellerrand zu schauen. 

 

Was bringt's dem Pferd, seinen Menschen auszutricksen? Lebewesen zeigen Verhalten, welches sich in der Vergangenheit gelohnt hat. Je häufiger sich ein Verhalten gelohnt hat, desto häufiger wird das Verhalten gezeigt.

Gehen wir nun also davon aus, dass Calypso in 60% der Fälle für das ruhig Stehen an entfernt stehenden Kühen (Distanz, die keine Angst auslöst) Futter erhalten hat und in 40% der Fälle die Erfahrung gemacht hat, dass zum einen die Rinder für ihn zu nah stehen (Kuh = Angst - nicht steuerbares Verhalten wird ausgelöst), zum anderen dass Steigen und den Menschen vorbei Zerren lohnend ist, da er somit schneller am Angstauslöser "vorbeigeführt" wird (Mensch fliegt hinterher) - so wird klar, dass zum einen ein gutes Management (gerade in Angstsituationen) elementar für erfolgreiches Training ist (Kühe in eine Distanz stellen, in der das Pferd noch keine Angst verspürt), zum anderen aber die Relation von erwünschtem zu unerwünschtem Verhalten in meinem Beispiel 60:40 steht. 

Welchen Vorteil bringt es also dem Pferd den Menschen vorbei zu zerren? Das Pferd kommt schneller aus der Situation - es geht ihm schneller besser - es hat schneller keine Angst mehr. 

 

Austricksen, impliziert für mich ein "mit Absicht anders machen". Austricksen oder Verarschen sind Begriffe, die für viele Menschen negativ belegt sind und negative Gefühle auslösen, was häufig im Gefühl eines persönlichen Angriffs mündet. Frust kommt auf - der Gedanke  "mit mir nicht mein Freund" ist geboren. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu meinem Zitat "Gewalt beginnt wo Wissen endet".

Erkennen wir nun also die lerntheoretischen Wahrscheinlichkeiten von Verhalten gewinnen wir einen sachlichen Blick auf das Verhalten unseres Pferdes. Wir können nüchtern analysieren und Settings verändern, unser Vorgehen besser planen und flexibel anpassen. Das Auftreten unerwünschter Verhalten unserer Pferde werden nun mehr lediglich zur Kenntnis und weniger persönlich genommen. Ein guter Anfang für zielorientiertes Training!

 

Was heißt das nun für uns Menschen? 

Zum einen ist es wichtig das Setting mit seinem Pferd so zu gestalten, dass die Wahrscheinlich eines erwünschten Verhaltens des Pferdes sehr groß ist. Dies ist immer abhängig vom aktuellen Trainingsstand. So kann das Setting natürlich im weiteren Verlauf immer "schwieriger" gestaltet werden ohne tatsächlich schwieriger fürs Pferd zu sein. Zum anderen ist es nötig ehrlich zu sich selbst zu sein - wie oft konnte das Pferd das unerwünschte Verhalten bereits zeigen? Wie oft hatte es Erfolg davon zu laufen, wenn die Decke angezogen werden sollte? Je häufiger das Pferd die Erfahrung gemacht hat, dass ein Verhalten (weglaufen, Menschen herum zerren, in die Futtertasche rüsseln, ...) sich lohnt, desto häufiger wird dieses Verhalten in Zukunft gezeigt werden. 

Es ist im Umkehrschluss also unsere Aufgabe als Pferdemensch die Anforderungen an unser Pferd so zu stellen (Decke liegt nur am Boden - kannst du stehen bleiben?), dass das Pferd mit hoher Wahrscheinlichkeit ein erwünschtes Verhalten zeigen wird und diese Anforderungen sinnvoll  bis zum Erreichen des Endziels zu steigern. 

 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Pferde uns nicht austricksen, sondern vielmehr Verhalten zeigen, die sich in der Vergangenheit gelohnt haben. Zeigt dein Pferd also ein von dir unerwünschtes Verhalten ist es deine Aufgabe ein Setting zu gestalten, welches die Wahrscheinlichkeit massiv erhöht, dass dein Pferd ein erwünschtes Verhalten zeigen kann, welches du mittels Belohnung (Futter) wiederum verstärken kannst.

Bedenke stets, dass Distanzen zu Angstauslösern einen limitierenden Faktor im Training darstellen. 

 

In diesem Sinne wünsche ich dir einen objektiven Blick.

 

Nadine von Pferd (H)und Mensch

 


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Kommentare

Nina Steigerwald
Vor einem Monat

Schön erklärt!